Platon — Kriton
Kriton bietet die Flucht aus dem Gefängnis an; Sokrates fragt nach ihrer Gerechtigkeit. Die personifizierten Gesetze prüfen Pflichten gegenüber Athen; zuvor verbietet ein Grundsatz, Unrecht mit Unrecht zu vergelten.
Den Text verstehen
Sokrates hinterließ keine Schriften. Dieser Text gehört zur antiken Rezeption, aus der sein Leben und Denken erschlossen werden, nicht zu einer Bibliografie eigener Werke. Gattung, Absicht und dramatische Gestaltung sind entscheidend: Ein philosophischer Dialog, eine Verteidigungsrede oder eine Komödie ist kein Protokoll. Vergleichen Sie unabhängige Zeugen, bevor Sie eine Aussage dem historischen Sokrates zuschreiben.
Die Kerngedanken
- 01
Gründe
Die Zahl der Befürworter zählt weniger als Sachkunde des Urteils und Tragfähigkeit der Gründe.
- 02
Keine Vergeltung
Erlittenes Unrecht erlaubt nicht automatisch eigenes Unrecht, auch wenn Flucht verständlich erscheint.
- 03
Politische Pflicht
Die Gesetze berufen sich auf Erziehung, Aufenthalt und Zustimmung; ob daraus unbedingter Gehorsam folgt, bleibt zu prüfen.
Die Gedanken vertiefen
Muss man Gesetzen immer gehorchen?
Dem Argument des Kriton folgen, ohne daraus eine Parole des unbedingten Gehorsams zu machen. Der Dialog verbindet erlittenes Unrecht, Verpflichtungen und die Verantwortung des Handelnden.
Ein sehr konkreter Vorschlag
Kriton bietet seinem verurteilten Freund die Flucht an. Er verweist auf das Ansehen der Freunde, Sokrates’ Kinder und die praktische Möglichkeit fortzugehen. Diese Gründe sind nicht unsinnig: Der Dialog nimmt sie ernst und verschiebt dann die Frage. Soll sich die Entscheidung an der Meinung der Mehrheit oder an der Gerechtigkeit messen?
Unrecht nicht mit Unrecht vergelten
Sokrates fragt, ob man auf einen Schaden mit einem weiteren antworten darf. Dieser Grundsatz ordnet das Gespräch, doch seine Anwendung auf die Flucht braucht ein eigenes Argument. Überspringe diesen Schritt nicht: Einem allgemeinen Prinzip zuzustimmen bedeutet nicht, jede besondere Schlussfolgerung anzunehmen. Prüfe genau, welchen Schaden die Flucht wem zufügen würde.
Wenn die Gesetze sprechen
Platon lässt die Gesetze als Personen auftreten: Sie erinnern an die erhaltene Erziehung, an Möglichkeiten fortzugehen und an Verpflichtungen des Zusammenlebens. Diese Szene verlangt Diskussion, nicht bloße Wiederholung. Vergleiche sie mit der Ablehnung ungerechter Befehle in der Apologie. Die Spannung zwischen Gewissen und politischer Zugehörigkeit bleibt eine produktive Frage, keine unmittelbar verfügbare Universalregel.
Fragen für die weitere Lektüre
- Erlaubt erlittenes Unrecht jede beliebige Antwort?
- Welche Verpflichtungen gegenüber einer Gemeinschaft lassen sich unter welchen Bedingungen ändern?
Gemeinschaftstreue und Gerechtigkeit verlangen Begründungen; sie stimmen nicht immer problemlos überein.
Hinweise zur Lektüre
Lesen Sie den Vergeltungsgrundsatz vor der Gesetzesrede und vergleichen Sie das Philosophierverbot in der Apologie.
Ausgaben & Quellen
Zusammenfassungen und Kerngedanken sind eigenständige redaktionelle Interpretationen. Sie begleiten die Lektüre des Werkes und ersetzen keine Textausgabe. Redaktionelle Methode ↗