Literarische Moderne · Prager deutschsprachige Literatur · 1883–1924

Franz Kafka

Von einem Gesetz erzählen, das niemand erreicht.

Prag · Berlin · Kierling
Porträts: künstlerische Interpretationen
Biografie

Der Faden eines Lebens.

Franz Kafka war ein deutschsprachiger jüdischer Schriftsteller aus Prag, der den größten Teil seines Berufslebens als Jurist in einer Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt verbrachte und vor allem nachts schrieb. Seine Erzählungen, Romane, Tagebücher und Briefe, überwiegend erst nach seinem Tod veröffentlicht, zeigen Einzelne vor Gerichten, Behörden und Familien, deren Regeln undurchschaubar bleiben; sie sind zu einem Bezugspunkt philosophischen Nachdenkens über Schuld, Autorität und Entfremdung geworden.

1883–1906

Prag und Jurastudium

In Prag in eine deutschsprachige jüdische Kaufmannsfamilie geboren, wurde er 1906 an der deutschen Universität Prag zum Doktor der Rechte promoviert.

1908–1912

Versicherungsamt und Durchbruch

1908 trat er in die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt ein und schrieb 1912 Das Urteil und Die Verwandlung.

1914–1915

Krieg und Der Process

Im August 1914 begann er den Process und ließ ihn unvollendet; Die Verwandlung erschien 1915.

1917–1920

Krankheit und Briefe

1917 wurde Tuberkulose festgestellt; 1919 schrieb er den Brief an den Vater, 1920 begann der Briefwechsel mit Milena Jesenská.

1922–1924

Das Schloss und letzte Jahre

1922 schrieb er das Schloss und wurde pensioniert, lebte dann mit Dora Diamant in Berlin und starb 1924 in Kierling bei Wien.

1925–1927

Postume Veröffentlichung

Entgegen Kafkas Bitte, seine Manuskripte zu vernichten, veröffentlichte Max Brod 1925 Der Prozess, 1926 Das Schloß und 1927 Amerika.

Ein Leben eingehend verstehen

01Prag, Familie und Büro

Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag geboren, damals eine Stadt Österreich-Ungarns, als ältestes Kind des aus der Armut aufgestiegenen Galanteriewarenhändlers Hermann Kafka und der Julie Löwy. Er besuchte das deutsche Gymnasium in der Altstadt, studierte Jura an der deutschen Universität Prag und wurde 1906 promoviert; dort lernte er Max Brod kennen, der sein engster Freund wurde. Nach einem Jahr bei einer privaten Versicherung trat er 1908 in die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen ein, wo er Berichte über Unfallverhütung und die Einreihung von Betrieben in Gefahrenklassen verfasste. Seine Tagebücher halten die Spannung zwischen diesem angesehenen Tagesamt und dem nächtlichen Schreiben fest.

02Der Durchbruch von 1912 und die Kriegsjahre

In der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 schrieb Kafka Das Urteil in einem Zug nieder und im Spätherbst Die Verwandlung. Im Sommer hatte er die Berlinerin Felice Bauer kennengelernt; der umfangreiche Briefwechsel und zwei gelöste Verlobungen, 1914 und 1917, zeugen von seinem Konflikt zwischen Ehe und einem dem Schreiben gewidmeten Leben. Sein erstes Buch, der Prosaband Betrachtung, erschien Ende 1912. Im August 1914, bei Kriegsbeginn, begann er den Process und schrieb bald darauf In der Strafkolonie. Der Roman blieb unvollendet, während Die Verwandlung 1915 erschien.

03Krankheit, Zürau und der Brief an den Vater

1917 wurde bei Kafka Lungentuberkulose festgestellt. Er verbrachte mehrere Monate bei seiner Schwester Ottla im böhmischen Dorf Zürau, schrieb dort kurze Aphorismen über Wahrheit, das Böse und die Hoffnung und las eingehend Kierkegaard, den er einige Jahre zuvor entdeckt hatte. 1919 verfasste er einen langen Brief an den Vater, eine Analyse väterlicher Autorität und des eigenen Schuldgefühls, der nie übergeben wurde. Ab 1920 korrespondierte er mit Milena Jesenská, seiner tschechischen Übersetzerin. 1922 schrieb er den größten Teil des Schlosses, das ebenfalls unvollendet abbrach, und ließ sich krankheitshalber vorzeitig pensionieren.

04Berlin, Tod und das Schicksal der Manuskripte

1923 zog Kafka mit Dora Diamant nach Berlin, in der Hoffnung, trotz Inflation und fortschreitender Krankheit unabhängig von Prag zu leben. Er starb am 3. Juni 1924 in einem Sanatorium in Kierling bei Wien, während er die Fahnen des Bandes Ein Hungerkünstler korrigierte. Max Brod hatte er gebeten, seinen unveröffentlichten Nachlass zu verbrennen; Brod gab stattdessen den Process, das Schloss und Amerika heraus und prägte ihre Rezeption für Jahrzehnte. Die kritischen Ausgaben seit 1982 haben Wortlaut und fragmentarischen Zustand der Handschriften wiederhergestellt. Seine drei Schwestern wurden im Holocaust ermordet, und sein Name wurde weit über die Literatur hinaus zu einem Adjektiv.

Ein Erbe und seine Spannungen.

Walter Benjamin, Hannah Arendt, Albert Camus, Theodor W. Adorno, Gilles Deleuze und Félix Guattari sowie Jacques Derrida lasen Kafka als Denker von Gesetz, Macht, Hoffnung und moderner Verwaltung. Das Adjektiv „kafkaesk“ ist in viele Sprachen eingegangen, doch die Forschung warnt davor, seine bewusst offenen Texte auf eine einzige theologische, politische oder psychologische Allegorie zu verkürzen.

Quellen und Orientierung

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